Traurige Realität…nicht nur irgendwo, sondern auch in Cloppenburg

Ich habe lange überlegt, in welcher Form ich meine Erfahrungen zum Thema „Gewalt in der Pflege und Betreuung“ schreiben soll. Als Sammlung vieler Fallbeispiele, die ich erlebt habe während meiner Tätigkeit als Betreuungskraft? Nein, das wäre letztendlich nur eine Anhäufung von unfassbaren Geschichten, die dann einfach so im Raum hängen bleiben. Ich möchte vielmehr erreichen, dass ich Menschen zum Nachdenken und auch Handeln bringe. Aus diesem Grund veröffentliche ich meine Abschluss-Prüfungsarbeit des Kurses „Betreuungshelfer nach § 87b“, welche ich als Referat vortragen musste. Dazu möchte ich sagen, dass ich all meine aufgelisteten Beispiele innerhalb von 8 Wochen erlebt habe. Aufgrund meiner Beobachtungen und Erfahrungen war für mich sehr schnell klar, dass DAS mein Thema ist.

Einleitung

Aggression, Gewalt oder Misshandlungen gegen Pflegebedürftige als auch gegen Pflegende sind ein gesellschaftliches Problem, welches noch sehr häufig tabuisiert wird.

Ich widme mich in dieser Arbeit nur der Gewalt gegenüber Pflegebedürftigen.

Viele Menschen denken bei den Worten Gewalt oder Aggression automatisch an körperliche Misshandlungen, Schläge, Missbrauch oder auch an Tötungsdelikte.

Diese Gedanken sind menschlich nachvollziehbar, da wir meist durch die Medien mit solch erschütternden Skandalen konfrontiert werden.

Das jedoch Gewalt weitaus früher beginnt bevor sie in den Schlagzeilen erscheint, ist mir bei meiner Recherche sehr schnell klar geworden.

Als ich mich dazu entschieden habe, in die Betreuung älterer und auch desorientierter Menschen zu gehen, tat ich das in erster Linie aus Berufung.

Betreuung bedeutet für mich: Pflege der Seele. Damit meine ich: ältere Menschen, egal ob körperlich oder geistig eingeschränkt, in ihrem letzten Lebensabschnitt würdevoll, liebevoll und respektvoll begleiten. Mit meiner Betreuung möchte ich Ihnen das Gefühl geben wertgeschätzt und gemocht zu werden. Mich Ihren Bedürfnissen und Wünschen flexibel anpassen zu können, ist Sinn und Zweck meiner Arbeit.

Begrifferklärung

Die Definitionen dessen, was unter Gewalt zu verstehen ist, sind vielfältig, ihre Grenzen fließend.

Von der WHO wird Gewalt als ein absichtlicher Gebrauch „ (…) von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichen Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklungen oder Deprivation * führt.“ definiert.

Vereinfacht ist unter Gewalt also jedes Mittel zu verstehen, welches eingesetzt wird, um einem anderen Menschen den eigenen Willen aufzuzwingen oder etwas machen zu lassen, was er/sie persönlich nicht will. Gewaltausübung ist damit immer auch mit der Durchsetzung von Macht verbunden. Daher findet eine Anwendung von Gewalt oder Entladung von Aggressionen häufig an jenen Menschen statt, die sich nicht wehren können.

Es ist schwierig, die Gewalt als solche aufzudecken, da sich die meisten Betroffenen schämen oder Angst haben.

Gewalt fängt nicht erst an, wenn Menschen offen erkennbar zu Schaden kommen. Sie beginnt da, wenn einer sagt: Du bist krank, du musst tun was ich sage!

*Deprivation: Die Psychologie meint mit Deprivation einen Zustand der Entbehrung, der dadurch herbei geführt wird, dass die Individuen ihre erlernten Bedürfnisse nicht oder lediglich teilweise befriedigen können (vgl. Reisenauer 1988, S. 28).

Quelle: http://lexikon.stangl.eu/88/deprivation/
© Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik

Gewaltformen

In der Pflege unterscheidet man in erster Linie zwischen struktureller und personeller Gewalt.

Die strukturelle Gewalt beinhaltet alle Faktoren der Einrichtungsstruktur. Sie ist eine „indirekte“ Gewaltform. Hierzu gehören vor allen Dingen: Pflegeschlüssel, mangelhafte Diagnostik, mangelhafte Lebensräume, Sicherheit vor Lebensqualität, mangelhafte Qualifizierung des Personals, inhumane Lebensbedingungen.

Die personelle Gewalt ist immer „direkte“ Gewalt, die unmittelbar von Betreuungskräften und Pflegepersonal ausgeübt wird. Hierzu gehören sowohl physische als auch psychische Gewaltformen: Symptome nicht ernst nehmen, beschämen, bloßstellen, Verletzung der Intimsphäre, drohen, beschimpfen, anschreien, beleidigen, ignorieren, verletzen, fesseln, einsperren, Medikamtente vorenthalten/überdosieren, vorenthalten von Hilfsmitteln (Rollator, Brille, Hörgerät, Zahnersatz), vernachlässigen, isolieren, ausbeuten, Nahrung vorenthalten, Respektlosigkeit, Entwürdigung, Demütigung

Einige Fallbeispiele

Respektlosigkeit:

Das Duzen der Bewohner ohne deren Erlaubnis.

Eine Sprache wählen, die meiner Meinung nach nicht mal in den Bereich Kindergarten gehört. Sooo Hermann, jetzt fahren wir beide nachem Onkel Doktor hin…..

Ein Stück Kuchen o.ä., was dem Bewohner aus der Hand gefallen ist und nun auf dem Fußboden liegt, aufzuheben und ihm jenes wieder auf den Teller zu legen.

Beschämen:

Den Bewohner vor anderen darauf hinweisen, dass er sich ja schon wieder bekleckert/eingenässt/eingestuhlt hat. Anmerkung: unglaublich war für mich ebenfalls, dass beim wöchentlichen „Bingo-Spiel“ folgende Artikel als Preis verlost wurden: Einkaufswagen- Chips, Lineale mit dem Werbeaufdruck eines Inkontinenz-Einlagen-Herstellers. 

Verletzung der Intimsphäre:

Das Zimmer des Bewohners ohne vorheriges Anklopfen betreten. Bei Doppelzimmerbelegung: das Waschen eines Bewohners im Intimbereich, wobei der andere Bewohner dabei zusehen kann.

Drohen & Respektlosigkeit:

Wenn du den Pudding nicht ordentlich isst und dich wieder vollkleckerst, dann kriegst du morgen keinen Pudding!“

Wenn du nicht gleich still bist, dann bringe ich dich in dein Zimmer!“

Beleidigen:

Wenn eine Bewohnerin eine andere beleidigt, einschreiten mit den Worten: „Nun hör aber auf, du bist auch nicht die Schönste hier!“ oder: „Wozu sollen wir deine Fingernägel lackieren, du kriegst doch eh keinen mehr ab!“

Einsperren:

Einen Bewohner, der durch herausforderndes Verhalten in Form von Redeschleifen (Hallo, Hallo, können Sie mir helfen, hallo, hallo….) in ein Zimmer zu sperren, damit die anderen Bewohner und man selbst seine Ruhe hat. Der Bewohner ruft auch dort endlos weiter, und damit dies im Aufenthaltsraum nicht stört, stellt man einfach Fernseher oder Radio lauter.

Bloßstellen & Entwürdigen

Einen Bewohner, welcher sich in der Phase des Vegetieren befindet, aus dem Bett zu holen und in den Stuhlkreis zu stellen, „damit er mal was anderes sieht“, und dabei in Kauf zu nehmen, dass sich Mitbewohner über diesen Anblick lauthals aufregen und schimpfen. „Dreh den zur Wand, das sieht ja ekelig aus, wie der immer die Zunge raushängen lässt!“

Einen Bewohner zu einer Gruppenstunde zu bringen, welcher er kognitiv nicht mehr gewachsen ist, was ihn verunsichert, beängstigt und beschämt.

Symptome nicht ernstnehmen:

Bewohner klagt über körperliche Beschwerden. Es wird jedoch kein Arzt gerufen oder ein Arzttermin vereinbart. Als Argument für dieses Nicht-Handeln hört man dann oftmals: „Die will sich nur wichtig machen, die hat rein gar nichts!“

Entwürdigung:

Einen Bewohner, der seinen Stuhlgang noch kontrollieren kann, dazu anhalten, in die Inkontinenzeinlage zu machen, weil es jetzt grad nicht passt, ihn zum WC zu begleiten. Anmerkung: In diesem Fall passte es gerade nicht, weil die Pflegekraft etwas bei Ebay-Kleinanzeigen in ihrem Smartphone suchte.

In Gegenwart des Bewohners über ihn und sein Krankheitsbild/ seine Verhaltensauffälligkeiten mit anderen Personen zu sprechen.

Fesseln/ freiheitseinschänkende Maßnahmen:

Die Bremsen des Rollstuhls feststellen, damit sich der Bewohner nicht mehr frei im Raum bewegen kann.

Einen Rollstuhlfahrer, der die Bremsen noch selbst lösen kann, auf einen Stuhl zu setzen, damit er endlich aufhört einem ständig vor den Füßen rumzukurven.

Das Hochziehen des Bettgitters ohne richterlichen Beschluss.

Vorenthaltung von Nahrung:

Die bisherige Ration beim Frühstück und Abendbrot wird halbiert mit den Worten: sonst nimmst du noch mehr zu und wir können dich gar nicht mehr waschen!

Ausbeutung:

Dem Bewohner den Einkauf der Körperpflegeartikel anzubieten, diese dann mit unverschämtem Aufschlag in Rechnung zu stellen. Anmerkung: es wurde Duschgel für 65 Cent gekauft und dem Bewohner mit 2,50€ in Rechnung gestellt.

Fazit

Bevor es zur Gewalt kommt, gibt es Faktoren, die sie auslösen.

  • zu wenig Personal vorhanden → Zeitdruck
  • Stress und Frust
  • Leistungsdruck in der Pflege
  • gestörtes Kommunikationsverhältnis
  • private Probleme
  • fehlendes Verständnis zwischen Bewohner und Betreuung/Pflege
  • Provokation untereinander
  • zu hohe Erwartungen aneinander
  • Missverständnisse

Diese Faktoren sind aber keine Rechtfertigungsgründe oder gar Entschuldigungen.

Man kennt solche Gewaltformen nicht in Kinder-Tageseinrichtungen. Dort würde sich keine Erzieherin erlauben, ein Kind „wegzusperren“, weil es die anderen Kinder gerade nervt

Auch käme niemand auf einer Krebsstation auf die Idee, die dortigen Patienten wie Kleinkinder anzusprechen.

Warum ist das so?

Mein Verdacht ist: die Patienten einer Krebsstation und auch die Kinder einer Kindergarteneinrichtung tragen Informationen nach außen. Diese tragen dazu bei, in welchem Licht die Einrichtung in der Öffentlichkeit erscheint.

Der Bewohner eines Altenheims befindet sich an der persönlichen Endstation seines Lebensweges. Er mag etwas verwirrt oder auch sehr desorientiert sein, so dass man ihm nicht alles glauben kann.

Begünstigt wird dies durch die vorhandenen Schuldgefühle der Angehörigen, die vielleicht manches wahrnehmen, aber nicht ansprechen. Sie haben ja oft das Gefühl ihren Angehörigen „abgeschoben“ zu haben, weil sie selbst nicht damit klargekommen sind…und nun das Pflege/Betreuungspersonal maßregeln? Nein, da werden Repressalien befürchtet…oder man wird abgewimmelt mit den Worten: Ach, das nehmen Sie mal nicht so ernst…Ihre Mutter erzählt in letzter Zeit viel dummes Zeug….das ist so in der Demenz!Natürlich wird sie hier nicht weggesperrt!

Der Gedanke, das die Eingangsvoraussetzungen für die Ausbildung im Bereich Altenpflege und Betreuung neu überdacht werden müssen liegt nahe.

Sollte nicht vorhandene Sozialkompetenz vor körperlicher Belastbarkeit und Flexibilität stehen? Also ich meine definitiv JA!

Schlusswort

Letztendlich ist jeder, der mit einer Gewaltsituation konfrontiert wird, mitverantwortlich: Sehen- Hören- Einmischen-Handeln

Natürlich hat es seinen Preis, wenn man sieht-hört-einmischt und handelt. Meiner war die Kündigung von Seiten der Einrichtung. Ich wurde als „nicht teamfähig“ bezeichnet. Das ist vollkommen richtig, denn ich wollte mich diesem respektlosen Team nicht anpassen und habe dementsprechend grundsätzlich Missstände offen angesprochen, statt sie einfach als gegeben hinzunehmen. Natürlich wird so ein Verhalten nicht gern gesehen von den anderen „Teammitgliedern“. Glücklicherweise hatte ich schon die Hoheit über das Wort „Querulant“ für mich in Anspruch genommen, da ich diese Wort schon beim Einstellungsgespräch der Heimleitung gegenüber ansprach mit den Worten: „Ich möchte nicht als Querulant gelten, deswegen sage ich Ihnen schon jetzt, dass ich Dinge offen ansprechen werde, die mir negativ auffallen!“  Die Heimleitung schien zum damaligen Zeitpunkt erfreut zu sein über meine offene Art.

Es wäre schön, wenn ich den Einen oder Anderen mit meinem Beitrag zum Nachdenken angeregt habe-egal ob Angehöriger, Pflege-, oder Betreuungskraft. Haltet Augen und Ohren offen und behaltet den Satz in meinem Beitragsbild im Kopf.

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2 Gedanken zu “Traurige Realität…nicht nur irgendwo, sondern auch in Cloppenburg

  1. Da sprichst du ein ganz schlimmes, für die meisten jungen Menschen unwichtiges, unerkanntes Problem in unserer Gesellschaft an. Genau diese Dinge sind es, die einen vor dem Ganz-alt-werden zittern lassen. Ich finde auch, dass man sich bei Missständen einmischen MUSS. Hut ab, dass du dich selbst und deinen Job in die Schusslinie gebracht hast! Mein Opa sagte schon immer: „Tue Recht und scheue niemand.“ Er musste Gottseidank nie in ein Pflegeheim, da hatte er sehr großes Glück.

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